Folklore als Tatsachenbericht
Description
AUSZĂGE AUS DEM VORWORT:
Der vorliegende Band bringt im wesentlichen die Druckfassungen der VortrĂ€ge, die auf einer Tagung ĂŒber "Folklore als Tatsachenbericht" in Dorpat (estn. Tartu) vom 20. bis zum 24. September 2000 gehalten wurden. Die Tagung war Geschichten gewidmet, die mit dem Anspruch auf FaktizitĂ€t erzĂ€hlt werden, die fĂŒr den Forscher aber als Folklore (d.h. tradierte ErzĂ€hlungen, bei denen es zu Variantenbildung gekommen ist) erkennbar sind. [...]
Manche BeitrĂ€ge konzentrieren sich auf ErzĂ€hlungen ĂŒber Ereignisse in der nahen oder fernen Vergangenheit, die als Tatsachenberichte erzĂ€hlt werden bzw. sich zu Sagen, SchwĂ€nken oder Spukgeschichten wandeln. Andere AufsĂ€tze behandeln ErzĂ€hlungen ĂŒber nagelneue Begebenheiten bzw. die Umwandlung von ErzĂ€hlungen ĂŒber VorfĂ€lle in der Vergangenheit in Berichte ĂŒber frische Ereignisse.
Teilbereichen dieses Themas hat die Forschung sich bisher aus verschiedenen Richtungen genĂ€hert, doch fehlt noch eine vergleichende Darstellung des Gesamtkomplexes, was verwundert, denn das Thema sollte eigentlich fĂŒr Folkloristen eine zentrale Bedeutung haben, weil ein wesentlicher Teil der Folklore in dieser Form tradiert wird. Es handelt sich dabei hĂ€ufig um ErzĂ€hlstoffe, die ein hohes Alter aufweisen, die aber aufgrund ihrer Tradierung als Tatsachenberichte ĂŒber Neuigkeiten stĂ€ndig den sich Ă€ndernden gesellschaftlichen Bedingungen angepaĂt werden.
Dorpat als Veranstaltungsort fĂŒr die Tagung drĂ€ngte sich geradezu auf, schlieĂlich hatte Walter Anderson hier als junger Professor der Estnischen und Vergleichenden Folkloristik sich als einer der ersten Folkloristen mit dem Thema beschĂ€ftigt. Mitte der 1920er Jahre erschien sein Aufsatz ĂŒber "Die Marspanik in Estland 1921" [in: ZfVk. 35/36 (1925/26)]. Anderson behandelt hier ein im Januar 1921 in Dorpat aufgetretenes GerĂŒcht, demzufolge der Planet Mars zerbrochen sei und einer seiner Teile auf die Erde zurase, wo er groĂe Zerstörungen anrichten werde. Dieses GerĂŒcht verbreitete sich in Windeseile durch ganz Estland. Anderson verzeichnete Ă€hnliche ErzĂ€hlungen auch in der volkskundlichen Sektion der "Jahresberichte der estnischen Philologie und Geschichte" [...]. Diese "Jahresberichte" sind eine zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fundgrube fĂŒr die historische ErzĂ€hlforschung, werten sie doch schon systematisch die in SchulbĂŒchern und Tageszeitungen gedruckten VolkserzĂ€hlungen aus - Jahrzehnte bevor die retrospektive Sichtung dieser Quellen in der Folkloristik ihren Anfang nahm.
SpĂ€testens seit der Ausbildung der quellenkritischen Methode waren sich Historiker darĂŒber im klaren, daĂ viele in den Quellen berichtete "Fakten" sich bei genauerer PrĂŒfung als sog. Wandersagen erwiesen. Die SchluĂfolgerung der traditionellen Geschichtswissenschaft war in solchen FĂ€llen, daĂ die betreffende Quelle keine Auskunft darĂŒber geben könne, "wie es eigentlich gewesen". Das ist natĂŒrlich richtig, nur sollte man damit seine Untersuchungen nicht beenden. In den letzten Jahren wird glĂŒcklicherweise erzĂ€hlenden Quellen und der Geschichte des ErzĂ€hlens gröĂere Aufmerksamkeit gewidmet. Heute untersucht man auch, wieso auf eine bestimmte Weise erzĂ€hlt wurde und weshalb solche ErzĂ€hlungen zur Zeit der Niederschrift glaubwĂŒrdig wirkten.
Warum diese Wende in der Geschichtswissenschaft so spĂ€t gekommen ist, soll hier nicht diskutiert werden, nur soll darauf hingewiesen werden, daĂ Historiker sich durchaus auch auf einen schon 1921 [in: Revue de synthĂšse historique (1921)] erschienenen Aufsatz ihres heute berĂŒhmten Kollegen Marc Bloch ĂŒber Falschmeldungen im Ersten Weltkrieg hĂ€tten stĂŒtzen können.
Obwohl es also sowohl in der Folkloristik als auch in der Geschichtswissenschaft bedeutende VorlĂ€ufer aus den 1920er Jahren gab, auf die man sich hĂ€tte berufen können, scheint das heutige Interesse der Folkloristen an Tatsachenberichten vor allem von jĂŒngeren Arbeiten ĂŒber alltĂ€gliches ErzĂ€hlen und "urban legends" inspiriert zu sein, wĂ€hrend die meisten Historiker, die ĂŒber ErzĂ€hlungen arbeiten, sich eher auf die Historische Anthropologie stĂŒtzen.
Anderson scheint Blochs Aufsatz nicht gekannt zu haben. Auch dies ist bezeichnend fĂŒr die ĂŒber weite Strecken getrennte Entwicklung der Folkloristik und der Geschichtswissenschaft, obwohl als Tatsachenberichte erzĂ€hlte Folklore in beiden Disziplinen eine wichtige Rolle spielt. Es war deshalb ein Ziel der Tagung, die Kluft zwischen diesen Disziplinen zu ĂŒberbrĂŒcken [...].
Die ZusammenfĂŒhrung der verschiedenen Forschungstraditionen und ihre Ergebnisse lassen den SchluĂ zu, daĂ wir es bei den Tatsachenberichten offenbar mit der Ă€ltesten Form von Folklore zu tun haben. Die BlĂŒtezeit der sog. klassischen Gattungen der Volksdichtung (wie MĂ€rchen und Sage) im spĂ€ten 19. und frĂŒhen 20. Jahrhundert scheint nur ein Zwischenspiel in der Entwicklung gewesen zu sein. Das Verschwinden der sog. klassischen VolkserzĂ€hlungen bedeutet also nicht den Verlust einer uralten Tradition, sondern nur die RĂŒckkehr zu den Verbreitungsbedingungen von Folklore, wie sie herrschten, bevor in der Nachfolge der BrĂŒder Grimm Volkskundler in aller Welt darangingen, die sog. klassischen Gattungen zu popularisieren und einen Sinn fĂŒr fiktionalisierte ErzĂ€hlungen zu wecken. [...]
JĂŒrgen Beyer Reet HiiemĂ€e